Cerro Pili – Acamarachi

06/04/2008

Am Morgen nach dem Abschlussbankett von Racing The Planet sitzen wir in gedrückter Stimmung in der Lobby von don Tomas und warten auf den Transferbus. Selbstverständlich hat der Busfahrer Zeit; die Fluggäste nicht. Nach 1,5-stündiger Fahrt zum Flughafen in Calama ist das Schweigen gebrochen und die kurze und unwirkliche Verabschiedung ist beinahe vorüber. Keiner weiß, ob wir uns jemals wiedersehen, aber wir verabschieden uns wie Schulfreunde, die sich am nächsten Morgen wieder begegnen. Über die Hälfte der Menschen in der langen Schlange vor dem Schalter grinst mir noch freundlich verschlafen entgegen, bevor ich das Terminal verlasse. Alte Bekannte!

Ich nehme ein Taxi in die Stadt. Der Taxifahrer ist der englischen Sprache mächtig und verlangt für die zehnminütige Fahrt auch gleich 10 USD. Nun stehe ich vor der Aufgabe einen Flug nach Santiago zu buchen, um am Freitag die Heimreise antreten zu können. Es folgen stundenlange Verhandlungen, Übersetzungsversuche mit “Google Translate” sowie eine weitere erfolglose Fahrt zum Flughafen, die ich hier nicht ausführen will. LAN Airlines hat einen äußerst günstigen Tarif für 400 USD einfach nach Santiago im Angebot. Als ich dem Flughafenpersonal freundlich mitteile, dass ich nicht die ganze Maschine kaufen möchte, verweist er mich freundlich an Sky Airlines. Diese verfügen allerdings nicht über eine englischsprachige Homepage. Am Abend, wieder in San Pedro angekommen, buche ich meinen Flug am Telefon für ca. 140 USD.

Im Hotel ist nun alles sehr still. Seit langem habe ich nicht mehr dieses Gefühl der Leere verspürt. Ich vermisse meine neuen Freunde. Ein Straßenköter weckt mich liebevoll mit seiner Zunge an meinem Ohr, nachdem ich auf einer Bank eingeschlafen bin. Unter der Bank lagen inzwischen drei weitere. Am Abend gehen Frederik und ich mit drei weiteren Verbliebenen in San Pedro essen. Noch nie haben US-Amerikaner einen solch überheblichen und arroganten Eindruck bei mir hinterlassen wie an diesem Abend.

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07/04/2008

Am darauffolgenden Morgen bereiten wir mit William, unserem Fahrer und Guide, die Reise vor und brechen mittags ins Altiplano auf. Ab 4000m Höhe liege ich völlig apathisch auf der Rückbank unseres zuverlässigen Toyota Hilux. Bereits auf 4700 Metern Höhe und nach drei Stunden Fahrt halten wir an. Die nächsten Stunden werden zur Qual. Der erste Akklimatisierungsberg ist Lascar, mit 5592m. Frederik schafft es als einziger bis zum Krater auf 5500m. Meine Finger liegen gefühllos in den Handschuhen, die Sonne brennt auf der Haut und hämmernde Kopfschmerzen lassen mich das Gefühl von Übelkeit im Magen fast vergessen.

Die folgende Nacht in 4500m wird lang und kalt. Wir campen am Fuße des Berges Chiliques, um uns an die Höhe zu gewöhnen und einen zeitigen Aufstieg zu ermöglichen. Der Vulkan zählt mit immerhin 5778m zu einem der schwierigsten der Gegend. Gegen 2000 Uhr verkrieche ich mich in mein Zelt und wache nach geschätzten zwei Stunden Schlaf um 0500 Uhr morgens auf.

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Die Zeltdecke glitzert mir im Schein der Lampe entgegen und ich realisiere: die Temperaturen sind weit unter 0°C. Der Kocher rauscht los und beginnt das Eis für den Tee aufzutauen. Gegen 0600 Uhr beginnen wir den Aufstieg in der Morgendämmerung. Auch dieser Tag wird kein Erfolg für mich. William und Frederik brechen bechen bei 5400m ab und auch ich fühle mich nach einigen Kletterpassagen auf 5500m nicht mehr sicher und kehre um. Chiliques imponiert mir, der mächtige schwarze Kegel steht wie ein Turm in der kargen weiten Landschaft.

Die Fahrt runter nach San Pedro ist dringend nötig und wir sind froh über ein Bett für diese Nacht. Beim Abendessen treffen wir Marc Bishop. Er berichtet uns über wöchentliche Opfer auf dem Kili in Afrika und ermahnt uns zur Vorsicht. Unsere Körper sind zu erschöpft um ruhig zu schlafen und ich verschiebe die endgültige Entscheidung über eine Besteigung des Pili bis zum Morgen.

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09/04/2008

Gleich nachdem ich den Speisesaal betrete, erfahre ich von der Hotelbesitzerin, dass der Haushund mit meinen Handschuhen gespielt hat und diese nun gevierteilt sind. Egal! Das Frühstück ist südamerikanisch schlecht. Nach dem zweiten Frühstück mit William brechen wir zum Basislager auf. Es geht in 4 Stunden über den Paso Jama und durch Schotterebenen auf 5000m. Wir schlagen die Zelte auf und ich liege bereits 1900 Uhr in meinem Wechsel Pathfinder Zelt. Mein Oberkörper liegt leicht erhöht auf dem Rucksack und ich atme in unterirdisch tiefen Frequenzen.

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Ohne Schlaf und in Eiseskälte brechen wir um 0500 Uhr zum Gipfel auf. Das Wetter ist traumhaft und die Sonne erwärmt den Berg schnell. Nach 7,5 Stunden erreiche ich den falschen Gipfel, eine halbe Stunde später den richtigen. William und Frederik gehen eine andere Route, sind aber 2 Stunden später auch auf dem höchsten Punkt weit und breit. Die Sicht ist unglaublich, das Gefühl überwältigend aber gleichzeitig beunruhigend. Endlich, der erste 6000er in meinem Leben und wahrscheinlich auch der letzte für lange Zeit. Der Abstieg dauert zwei Stunden und die steilen Stücke vergehen wie im “Flug”.

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11/04/2008

Nach einer ruhigen Nacht in einem sehr schönen Hostel lassen wir den Tag entspannt beginnen. Ich bin deutlich erschöpft und genieße das bunte Treiben bei einem Spaziergang durch San Pedro. Ein Chilene im Reisebüro ist vollkommen verblüfft über unsere Besteigung des Pili und auf Anhieb schießt der Name unseres Führers aus seinem Mund. “Es gibt nur wenige so Verrückte hier …”

Als Frerderik vorsichtig anfragt, ob wir denn heute eine lockere Runde laufen wollen, erstrahlt mein Gesicht vor Freude. Ich hatte es nach der Tour am Vortag nicht gewagt diese Frage zu stellen. William ist über uns beide schon längst nicht mehr verwundert. Wir laden seine Familie zu den wohl größten Hähnchen in Chile und Pommes ein. Am Abend laufen wir los und aus der halben Stunde wurde ein zweistündiger Wüstenlauf. Unbeschreiblich!

12/04/2008

Die Heimreise beginnt mit dem frühen Transfer zum Flughafen. Morgens sind die Temperaturen auch in Calama noch sehr niedrig und die Flugzeuge bekommen ausreichend Auftrieb beim Start. Bevor die perfekt spanischsprachige Stewardess die Gepäckfächer schließt, weist mich Frederik auf die fehlende Verkleidung der Kabelschächte im Gepäckfach hin. Kurz darauf stellt der Pilot die Maschine beim Start beinahe auf den Kopf. Das Unterhaltungsprogramm hält den gesamten Flug an, denn so lange benötigen die Stewardessen ungefähr, um Essen und Getränke fachgerecht zu verteilen.

In Santiago sollte das Chaos nicht abreißen. Mein Flug nach Sao Paulo wird um knappe fünf Stunden verschoben und ich werde kurzerhand zum nächsten Gate zum Boarding geschickt. In einer kleinen Maschine hebe ich mit weiteren sieben deutschen Passagieren ab und hoffe nun auf eine reelle Chance auf den Anschlussflug ab Sao Paulo. Zudem genieße ich den Luxus als einziger Passagier zwei Sitze beanspruchen zu können und schlafe auf dem Koffer der Stewardess friedlich ein. Als ich ein Rumpeln verspüre, wache ich auf und registriere augenblicklich die steife und aufrechte Haltung der anderen Fluggäste. Ich blicke aus dem Fenster, sehe Dschungel und schnalle mich intuitiv an. Nach der Landung begrüßt uns der Pilot im Nirgendwo und die Stewardess fragt mich auf spanisch, ob ich eine Einreiseerklärung für Paraquai benötige. Ich: “Wie bitte?”

Nur wenige Minuten später ist klar, dass der Anschlussflug nach Sao Paulo in einer Stunde abfliegen wird. Zwei Stunden später beginnt das Boarding und wir heben kurz darauf ab. In Sao Paulo bleiben uns genau zehn Minuten, um von einem Ende des Flughafens durch die Sicherheitsschläuse (eine für alle Passagiere) zum anderen Ende zu gelangen und das auf uns wartende Flugzeug zu erreichen. Geschafft, dachte ich abermals. Leider haben wir unsere Tickets bereits in Santiago gegen die Bordkarten eingetauscht und die Airline hat damit ein Problem. Ein Telefonat reicht aus um dieses Problem zu beseitigen und kurze Zeit später sind wir über den Wolken gen Heimat.

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