Transalpine Run 2021

Sehr wenige Strecken üben eine so magische Anziehungskraft aus wie eine Alpenüberquerung – sei es mit dem Rad, den Skiern oder zu Fuß. Meinen Laufpartner Carsten und mich hatte die Idee einer Alpenüberquerung ebenfalls fasziniert und wir meldeten uns bereits 2020 zur 16. Austragung des Transalpine Runs (TAR) an. Wie vielen anderen Läufer auch, machte uns COVID-19 einen Strich durch die Rechnung, der TAR fiel aus und wir bekamen ein zusätzliches Jahr Trainingszeit geschenkt.

Die lang ersehnte typisch Atmosphäre vor dem Start einer Tagesetappe

Der TAR wird als Teamrennen absolviert, das bedeutet, dass Carsten und ich während des gesamten Rennens maximal 2 Minuten Abstand haben dürfen. Für einige Teams sind 2 Minuten Abstand die größere Herausforderung als die eigentliche Strecke. Doch auch diese hat es in sich: In 8 Etappen sollten wir von Hirschegg im Kleinwalsertal über einen Abstecher in die Schweiz bis nach Sulden am Ortler in Südtirol rennen, eine Distanz von 263 Kilometern mit 15.000 Höhenmetern durch drei Länder. Doch es kam anders als erwartet, denn auch dieses Jahr hielt COVID-19 einige Überraschungen bereit.

Lang ersehnt – die wunderbaren Ausblicke auf der Strecke beim TAR

Bereits beim Check-In war klar: Das wird kein normales Rennen, sondern unser Team ist jetzt Mitglied der TAR-Familie. Viele Läufer werden beim TAR zu Freunden, Paaren oder kommen einfach immer wieder zum TAR. Einige der Teilnehmer schneiden sich die Startbändchen scheinbar gar nicht mehr ab, deren Handgelenke erinnern dann an Wolfgang Petry, andere tätowieren sich das Höhenprofil der Strecke direkt in die Waden.

Grandioser Blick vom Mohnensattel zurück auf den Butzensee und auf der anderen Seite hinab bis nach Lech am Arlberg – Carsten & Thomas als Team Green Power

Viele Teams nutzten die erste Etappe nach Lech am Arlberg zum warm laufen. Auf den sattgrünen Almwiesen begrüßten uns glückliche Kühe, wie man sie von den bunten Bildern auf den Milchpackungen kennt. Eine Kuh schleckte mich beim Vorbeilaufen ab, scheinbar wusste sie aus vergangenen Jahren, dass TAR-Läufer salzig schmecken. Später stiegen wir über seilversicherte Passagen hinauf in eine karge Felslandschaft zur Mohnenfluhscharte, dem höchsten Punkt des Tages, von dem es dann steil hinab in den Zielort nach Lech ging. Während Carsten und ich uns ebenfalls warm liefen, absolvierte das Spitzenteam die 32 Kilometer mit knapp 2000 Höhenmetern in unglaublichen 3 Stunden und 19 Minuten.

Bergkühe sind die ewigen Begleiter beim TAR

Der Zielbereich fühlt sich für die TAR Familie an wie eine Wohnküche, hier kommen alle nach getaner Arbeit zusammen, so auch in Lech. Wir Läufer versorgten uns mit belegten Broten, der einen oder anderen Flasche alkoholfreiem Bier und manche sogar mit leckerer Eiscreme – die Geschmacksrichtungen “Currywurst” oder “VW-Blau” sind hier explizit von “lecker” ausgenommen.

Wild Almen eingedeckt mit Herbstfarben begrüßen uns in der Silvretta

Von Lech liefen wir durch die Skigebiete am Arlberg weiter in Richtung St. Anton, dann nach Galtür und in Richtung Klosters in der Schweiz. Die Täler wurden allmählich einsamer, die Strecken länger und die Höhenmeter mehr. Kurz nach der Schweizer Grenze kamen wir an einem Stall vorbei, an dem Bilder von zerfetzten Schafen hingen. Scheinbar gibt es in diesem Tal wieder Wölfe. “Hier bloß nicht stolpern”, rief ein Läufer im Vorbeitraben schmunzelnd. Am letzten Pass vor Klosters fluchte Martin neben mir laut, denn gemäß Streckenbriefing sollten wir längst oben auf dem Pass angekommen sein und Martin war am Ende seiner Kräfte. Doch scheinbar waren ein paar Höhenmeter und Kilometer mehr zu absolvieren, als geplant. Zum Glück steht ganz oben auf dem Pass gleich der Streckenchef, dachte ich. Der alte Haudegen nimmt Kritik sicher gern entgegen. Er heißt übrigens ebenfalls Martin. Doch die Strecke war viel zu schön für Kritik und als wir ihn sahen, riefen wir ihm nur entgegen: “Echt geile Strecke Martin, danke dir!”

Wilde Landschaften und gefühlt vergessene Täler erlebe wir – wie hier im einsamen Schlappintal

Am fünften Tag stand ein kurzer Bergsprint von etwa 8 Kilometern und 810 Höhenmetern auf dem Plan – laut Streckenchef Martin der “Ruhetag”. Wer einmal das Zeitfahren bei der Tour de France gesehen hat, kann sich in etwa vorstellen, wie die Läufer im Abstand von etwa 10 Sekunden voller Adrenalin auf die Strecke geschickt wurden. Im Augenblick des Startsignals “Piep, Piep, Pieeeep” brannten nicht nur bei mir alle Sicherungen durch. Die Säure schoss in die Oberschenkel, das Herz pulsierte bis die Ohrläppchen und meine Lunge brannte – Puls 198. Fabian aus der Schweiz, der jede Etappe mit rosa Sonnenhut lief, beschrieb das Tempo treffend: “Ich habe zeitweise nicht mehr gespürt, dass ich einen Hut aufhatte.”

Immer wieder geht es steil bergauf wie hier beim Aufstieg zum Hochmadererjoch

In Klosters wurden wir ein wenig aus unserer Läufer-Blase in die COVID-19 Realität zurückgeholt. Der TAR musste dieses Jahr in Prad enden und die letzte Etappe wurde gestrichen, denn die COVID-19 Zahlen in Südtirol stiegen und die Gemeinden waren nach den Erfahrungen der vergangenen Monate sehr vorsichtig geworden. Unserer Stimmung tat das allerdings keinen Abbruch, schließlich standen noch zwei Hammer-Etappen von jeweils 47 und 44 Kilometern bevor.

Matnaljoch – Abstieg hinab nach Galtür mit atemberaubendem Blick

Ein paar Kilometer nach dem Start in Klosters erreichten wir den nächsten Pass und ich traf auf den Rekordsieger Thomas Miksch. Thomas hatte den Transalpine bereits acht mal gewonnen und war dieses Jahr in der Kategorie Senior Master Men wieder auf Erfolgskurs. Wie eine gut geölte Maschine lief er mit seinem Teampartner über das Blockgelände am Pass und dann hinunter in Richtung italienische Grenze. In Allgäuer Art wurden Kommandos gegeben: “Pasch auf Stufäää” und sogar Zuschauerfragen beantwortet: “Wo kommt ihr her?” “Kloschdersch” rief Thomas aus vollem Lauf entgegen. Er und sein Teampartner Stefan konnten auch diese Etappe mit sattem Vorsprung gewinnen.

Carsten genießt feinste Schnee- und Eispassagen bei traumhaftem Wetter

Das Höhenprofil der letzten Etappe von Scuol nach Prad ähnelte einem Eishockeyschläger: Gleich zu Beginn führte ein steiler 2000 Höhenmeter-Anstieg zum bisher höchsten Punkt aller bisherigen TARs auf etwa 3000 Meter. Oben angekommen, waren noch über 30 Kilometer bergab bis ins Ziel nach Prad zu bewältigen – für mich der absolute Horror. Nach einem harten Anstieg, den ich erfahrungsgemäß gut überstand, würde mich bergab entweder das ganze Feld überholen oder meine müden Oberschenkel würden 30 Kilometer lang brennen, um das hohe Tempo abzufedern. Ich entschied mich für die brennenden Oberschenkel.

Kurz vor der Sesvennahütte erreicht man die Pforzheimer hütte malerisch an einem See gelegen

Bereits am Abzweig zur Uina-Schlucht traf ich auf Ida-Sophie und Eli Anne, das führende Frauenteam. Der Hüttenwirt der Sesvenna-Hütte wollte sich die beiden noch schnell zu einem Foto schnappen, doch dafür hatten sie absolut keine Zeit. Trotz knapp 3 Stunden Vorsprung traten Ida-Sophie und Eli Anne das Gaspedal bis aufs Bodenblech durch. Wir schossen gemeinsam die steilen Trails, Forststraßen und Asphaltstraßen in Richtung Prad hinunter, dass ich zwischenzeitlich den Eindruck hatte, wir befänden uns im Zielsprint eines 5 Kilometer-Laufes und hätten nicht bereits 6 lange Etappen in den Beinen. Doch so kamen wir Prad schnell näher.

Ida-Sophie und Eli Anne liefen wie Thomas und Stefan in Prad bei strahlendem Sonnenschein als Siegerteams ein. Beim TAR werden jedoch nicht nur die Ersten, sondern alle Läufer, die diese Woche mit immerhin knapp 240 Kilometern und mehr als 13.000 Höhenmetern geschafft hatten, als Sieger gefeiert. Ich bin froh und auch etwas erleichtert, die Woche gut überstanden zu haben und auch ein wenig stolz, jetzt zur TAR-Familie zu gehören.

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