Island Peak – Expeditionstagebuch

Tag 1 — Landung auf dem gefährlichsten Flughafen der Welt

Der Tenzing-Hillary-Airport in Lukla ist der Ausgangspunkt unserer Expedition. Nach etwa einer halben Stunde Flug von Kathmandu taucht vor uns die sehr knapp bemessene Landebahn des Flughafens auf — ich sitze direkt hinter dem Piloten — und hoffe, dass unser Flugzeug die Piste richtig erwischt. Die 527 Meter lange Landebahn kann aufgrund ihrer 12 Grad Hangneigung nur von einer Seite angeflogen werden und bricht am unteren Ende abrupt in eine 600 Meter tiefe Schlucht ab. Die Flugzeuge rollen nach der Landung bergauf, startende Flugzeuge rollen bergab. Mit Schwung setzen wir auf, der Pilot tritt sofort kräftig auf die Bremsen, mein Oberkörper wird gegen den Gurt gepresst und schon biegen wir rechts auf den kleinen Parkplatz ab. Eigentlich müsste man nach dieser Landung klatschen, denke ich. Da höre ich auch schon den ersten Applaus hinter mir und stimme mit ein. Das war in der Tat eine solide Landung. Noch während die Rotoren laufen, steigen wir aus und überlassen unsere noch warmen Polster den Passagieren für den Rückflug. Scheinbar ist den Piloten viel daran gelegen, den Flugplatz vor der nächsten Wolke wieder zu verlassen.

Landeanflug Tensing Hillary Airport Lukla

Wir sind am Ausgangsort angekommen. Lukla ist ein kleines Bergdorf und nur zu Fuß oder per Lufttransport zu erreichen, Straßen gibt es hier keine. Mit Karma Sherpa werde ich zwei Wochen in der Khumbu-Region verbringen, das ist die Region um den Everest auf der nepalesischen Seite. Wir möchten gemeinsam den Island Peak besteigen, ein sehr schöner Sechstausender, der direkt neben Lhotse und Everest wie eine Insel in einem See aus Eis aufragt. “Nur wenn das Wetter und die Akklimatisation erfolgreich verlaufen”, habe ich ihm am Telefon gesagt. “Falls nicht, wandern wir und verbringen eine gute Zeit zusammen.” Zusätzlich haben wir einen Träger angeheuert, der einen Teil unserer Ausrüstung von Nachtlager zu Nachtlager trägt, damit wir mit etwas leichterem Gepäck zusätzliche Wanderungen unternehmen können — eine Mini-Expedition. Immer wieder begegnen uns Touristen, die ihr Gepäck selbst tragen und damit den Trägern ihre Lebensgrundlage entziehen.

Lukla Airport

Zusätzlich lerne ich den 73-jährigen Faroukh kennen, der uns an einigen Tagen begleiten wird. Faroukh ist ein indischer Geschäftsmann mit großer Liebe zur Natur und insbesondere zu Nepal. Es ist sein 16. Besuch in Nepal und er fotografiert leidenschaftlich gern. Faroukh ist groß und schlaksig gebaut, besitzt ein ruhiges Gemüt und wir verstehen uns auf Anhieb. Bereits am Vorabend haben wir uns bei einem Glas Whiskey kennengelernt. Für diesen Besuch hat er sich den Aussichtspunkt Kalapathar und Gokyo-Ri vorgenommen. Beides Orte, die eine kräftezehrende Drei-Wochen-Wanderung weit über 5000 Meter über Meeresspiegel erfordern und etwas abseits des Standard-Touristenpfades liegen.

Dzo — eine Kreuzung zwischen Hausrind und Yak — sind unsere ständigen Begleiter der ersten Tage

Kurz nach unserer Ankunft machen wir uns auf den Weg. Auf den ersten Metern fühle ich mich wie ein Kind, das vor einem leuchtenden Weihnachtsbaum steht und ich sauge jeden Moment auf wie ein Schwamm. Wir treten in die Spuren der ganz großen Bergsteiger, die hier wie wir durch den tiefen Staub aus Esel und Kuhdung gewatet sind. Schnell ziehe ich mir ein Tuch über die Nase, denn den Kumbhu-Cough – ein Husten, der bei Wanderern in dieser Region häufig auftritt – möchte ich jetzt um jeden Preis vermeiden. Bereits nach wenigen Kilometern schlagen wir unser Nachtlager in einer Lodge in Phakding auf.

Tag 2 — Ins Zentrum der Sherpas

Die erste Nacht auf 2600 Metern war vergleichsweise angenehm bis mir um 6 Uhr weiße Rauchschwaden in die Nase steigen und mich aus dem Bett katapultieren. Mit etwas panischem Gesichtsausdruck erkenne ich, dass unsere Gastgeber hier feuchte Wacholderzweige in einem kleinen Schrein verbrennen und der Rauch direkt durch mein geöffnetes Fenster in meine Nase zieht. Es ist eiskalt in meinem Zimmer, das Bad hat kein Fenster und die Wände schimmern feucht vom Kondenswasser der Wäsche des Vorabends. Ich stopfe meinen Schlafsack und trete in den Innenhof zum Schrein, wo mir der Wacholderduft erneut in die Nase steigt. Der Geruch ist angenehm und noch viel angenehmer ist die Wärme des Feuers, denn die Lodge erwacht erst allmählich zum Leben. Noch bevor die ersten Sonnenstrahlen unsere Lodge erreichen leuchten die weißen Berggipfel goldgelb in der Morgensonne. Wenn es auf dieser Höhe bereits so frisch ist, kann das auf 6000 Metern ja heiter werden, denke ich mir.

Namche Bazar

Etwas später stapfen wir erneut im Staub der Esel über zahlreiche Hängebrücken weiter in Richtung Namche Bazar, dem Zentrum der Sherpas. Namche liegt auf 3440 Metern über dem Meeresspiegel und ist der zentrale Handelsplatz der Region. Hier herrscht buntes Treiben, es gibt deutsche Bäckereien mit italienischem Espresso, Bergsportgeschäfte, die eine komplette Everest-Expedition ausstatten könnten und die letzten Geldautomaten im Tal. Gleich am Ortseingang links hocken einheimische Frauen auf Betonstufen und waschen ihre Wäsche mit dem Wasser des kleinen Baches, der durch Namche läuft. Das ist vielleicht die letzte Gelegenheit zur Wäsche, daher lasse ich mir diese nicht entgehen, schnappe mir mein getragenes T-Shirt, ein Stück Seife und geselle mich zu den Wäscherinnen. Das Wasser ist so kalt, dass meine Hände nach wenigen Sekunden schmerzen. Mit schlechtem Gewissen betrachte ich das dunkle Wasser der untersten Stufe und entscheide mich dann, das leicht verschwitzte-Merino-Shirt auf der mittleren Stufe einzuseifen. Vorsichtig schrubbe ich mein T-Shirt und spüle dann auf der obersten Stufe mit klarem Wasser nach. Die kalte und trockene Bergluft tut dann ihr Übriges und nach zwei Stunden ist mein T-Shirt trocken.

Die Gassen von Namche Bazar am Abend

Am Abend Faroukh erzählt mir Faroukh von seinem Besuch im Everest-View-Hotel: “Vor vielen Jahren habe ich mit meiner Frau das Hotel besucht. Wir sind direkt bis zum Hotel geflogen, denn das Hotel hat eine eigene Landebahn. Das Luxushotel war hochmodern und es fehlte an nichts. Die Suiten hatten Blick auf den Everest und sogar die Bettdecken waren beheizt. Man konnte gern zwei oder drei Tage im Hotel verbringen und nichts weiter tun, außer sich am Anblick des Everest zu ergötzen.” Das macht mich neugierig und ich beschließe diesem Hotel einen Besuch abzustatten.

Frühstück mit Everest-Blick auf der Terrasse des Everest-View-Hotel

Tag 3 — Kloster Tengboche

Gesagt getan, am nächsten Morgen steige ich mit dem Sherpa Pemba zum Everest-View-Hotel auf. Den Weg teilen wir uns mit jungen Mädchen auf ihrem Weg zur Schule. Mehr als eine Stunde legen sie täglich morgens und abends zurück und steigen dabei jeweils steil bergauf und bergab. Das Hotel liegt etwas oberhalb von Namche auf einem Bergrücken auf 3880 Metern. Die Landebahn ist nicht mehr als eine breite Schotterpiste etwa 10 Minuten unterhalb und mittlerweile gibt es auch einen Hubschrauberlandeplatz. Vor dem Betreten steigt man eine lange Treppe hinauf, die an den Zugang eines Palastes erinnert. Das Hotel versprüht mittlerweile vielmehr den Charme eines verlassenen Palastes, auch die Angestellten erwecken den Anschein von Wächtern anstatt Hotelpersonal. Natürlich lassen wir uns eine Tasse des exklusiven Sherpa-Kaffees auf der Sonnenterrasse nicht entgehen, bevor wir unsere Tagesetappe fortsetzen.

Kloster Tengboche

Ein paar Stunden später stehe ich in Tengboche vor dem bedeutendsten buddhistischen Kloster der Region. Es ist kalt, der Wind pfeift und die Sonne brennt. Außer Wacholdersträuchern und Rhododendronbüschen macht die Vegetation einen eher spärlichen Eindruck. Das Kloster liegt auf knapp 3900 Metern und wurde nach einer Serie der Zerstörung durch Brand und Erdbeben neu aufgebaut. Wenige hundert Meter vom Kloster entfernt wurde Ueli Steck beigesetzt. Ein junger Mönch führt mich zum Grab und ich verweile ein paar Minuten. Tengboche ist wunderschön und bietet einen Panoramablick auf die umliegenden Berge. Heute sind die Gasthäuser um das Kloster gut gefüllt und in der kleinen Bäckerei gibt es sogar Schokokuchen. Es ist schwer vorstellbar, wie sich die Menschen in dieser Gegend vor der Schokokuchen-Zeit ernährt haben.

Auf dem Weg zur Lodge bewaffne ich mich mit einem Stück Schokokuchen, schwatze unterwegs mit einem Sherpa und da passiert es auch schon: Völlig unkonzentriert trete ich etwa 50 Meter vor der Lodge auf einen Stein und mein Fußgelenk knickt um. Mit schmerzverzerrten Gesicht halte ich den Fuß unter das eiskalte Wasser im Hof der Lodge, bandagiere das Gelenk und lege es hoch. Nach kurzer Zeit spüre ich, dass die Verletzung ernster ist als angenommen, entscheide mich jedoch gegen einen Abbruch der Tour. Die nächsten Tage werde ich in den Bergstiefeln gehen müssen, um das Gelenk wenigstens etwas zu schonen.

Tag 4 und 5 — Dingboche

Der nächste Morgen beginnt etwas holprig mit dem Gang zur Toilette. Von einer Toilettenspülung habe ich mich bereits vor dem Abflug nach Lukla verabschiedet, doch heute morgen war sogar das Wasserfass auf der Toilette gefroren und der Schöpfbecher steckte im Eis. Das Zähneputzen verschiebe ich besser um ein paar Stunden und setze mich vor den Ofen in der Lodge. Der Weg nach Dingboche führt zunächst leicht bergan durch das Tal. Unter uns rauscht ein wilder Fluss und rechts über uns öffnet sich der Gipfel des Ama Dablam — das Matterhorn Nepals. Die Ama Dablam ist ein besonders formschöner und technisch anspruchsvoller Sechstausender. Derzeit befinden sich einige Gruppen im Basislager und wollen den Berg besteigen. Unser Tagesziel Dingboche liegt auf 4400 Metern und wir erreichen den kleinen Ort gegen Mittag. Was vor Jahren nur eine kleine Siedlung war, ist mittlerweile zum einem Dorf aus Lodges angewachsen. Die Bauern pflanzen auf dem trockenen Boden Kartoffeln an, die sie einmal im Jahr ernten können. Darüber hinaus wächst hier nicht viel. Wir übernachten in einer kleinen und familiären Lodge.

Das Badezimmer wurde kurzerhand nach außen verlagert

Hinter dem Haus liegt ein schwarzer Schlauch im Garten, der als Wasserleitung dient. Als das Eis im Schlauch hinter dem Haus aufgetaut ist, wasche ich etwas Wäsche, die kurz darauf auf der Leine bretthart gefriert. Der Ofen Gastraum wird mit Yakdung befeuert und wärmt jeden Abend zuverlässig. Die Wärme reicht jedoch nur für die Frontseite, deshalb sitzen alle im Gastraum in Dauenjacke um den Ofen. Trotz Saisonende sind die anderen Lodges noch so gut besucht, dass die Sherpas dort in die zweite Reihe hinter dem Ofen weichen müssen. Das führt dazu, dass sie sich die Sherpas der umliegenden Lodges zu uns gesellen und ich mit dem Inder die einzigen Ausländer im Raum sind. Unsere Schlafzimmer sind so kalt, dass die Feuchtigkeit meines Atems eine Eisschicht auf meinem Schlafsack hinterlässt.

Am Folgetag steht der nächste Schritt der Akklimatisierung bevor: die Wanderung auf den Nangkar Tshang auf knappe 5200 Meter. Im Vergleich zu den Achttausendern am Talende wirken die Fünftausender hier wie die kümmerlichen Endmoränen einer Eiszeit und doch sind sie höher als der Mont-Blanc. Nach dem Frühstück steige ich mit Pemba auf. Wir gehen sehr langsam und nach ca. einer halben Stunde wärmen uns die ersten Sonnenstrahlen, die hinter dem Ama Dablam hervortreten.

Ama Dablam im Morgenlicht

Beim Blick ins Tal erkennen wir, dass uns die Heerscharen der geführten Touren bereits auf den Fersen sind. Hauser und World Expeditions haben ebenfalls einen Zwischenstopp zur Akklimatisation in Dingboche eingelegt. Die meisten dieser organisierten Gruppen wandern zum Basislager des Everest. Trotz Saisonende begegneten uns erstaunlich viele Wandergruppen auf den Wegen, doch von nun an sollte es für uns ruhiger werden, denn wir zweigen von der Hauptverkehrsader ab und marschieren in Richtung Island Peak.

Blick vom Gipfel des Nangkar Tshang

Am Abend sitzen wir gemeinsam am Ofen und sprechen den Plan für die nächsten Tage durch. Während Pemba mit Faroukh nach Kala Patthar wandert, gehe ich mit Karma Sherpa nach Chukhung auf 4730 Meter. Dort akklimatisieren wir weiter am 5546 Meter hohen Chukhung Ri und besteigen anschließend den Island Peak.

Tag 6 — Besteigung Chukhung Ri

Am Morgen brechen wir auf nach Chukhung und durchqueren eine Steppenlandschaft mit kleinen halb gefrorenen Bächen, die sich ihren Weg durch Wacholdersträuche bahnen. Der Boden ist hart und staubig. Chukhung ist die erste Siedlung auf unserem Weg, die nicht ganzjährig bewohnt ist und hauptsächlich zur Beherbergung von Wanderern und Bergsteigern errichtet wurde. Der Lodge-Manager gibt mir das beste Zimmer, wie er sagt: “Das Zimmer hat noch sechs Stunden Sonne.”

Auf dem Weg auf den Chukhung Ri

Wir pausieren kurz in der Lodge und brechen wenig später auf zum Chukhung Ri. Die letzten Meter vor dem Gipfel spüre ich den geringen Sauerstoffgehalt deutlich und muss mich bei jedem Tritt konzentrieren. Der Grat ist nicht schwer, doch das Gelände ist steil und der Wind pfeift uns um die Ohren. Am Gipfel werden wir mit einem gigantischen Panorama belohnt und blicken erwartungsvoll hinüber zum Gipfel des Island Peak, der nahezu auf gleicher Höhe zu liegen scheint.

Panorama vom Gipfel des Chukhung Ri.

Am Abend werde ich für die zu schnelle Akklimatisierung bestraft. Kopfschmerzen, Fieber und ein schmerzendes Fußgelenk rauben mir den Schlaf. Auch eine Portion Sherpa-Eintopf können mich heute nicht aufmuntern und ich liege bereits kurz nach Sonnenuntergang in meinem erstklassigen Zimmer, das mittlerweile einer Eiskammer gleicht. Dass sich vor dem Zimmer der Haushund platziert hat, merke ich leider erst, als ich ihm auf den Schwanz trete und er jaulend aufspringt. Ich vertraue besser nicht mehr auf meine Nachtsicht-Fähigkeiten und nutze brav meine Stirnlampe. Der Hund dankt’s mir.

Tag 7 — Der lange Marsch ins Basislager

Der Weg ins Basislager wird für mich länger und länger. Ein schmerzender Kopf und Fuß lassen den Gipfel an diesem Tag in weite Ferne rücken. Wie soll ich auf über 6000 Meter steigen, wenn ich mit 5100 bereits Problem habe, denke ich. Karma meint dazu: “Thomas, wir gehen jetzt ins Basislager, dort trinkst du einen Tee und dann sehen wir weiter”. Etwa zwei Stunden später liege ich in einem dieser gelben Expeditionszelte, röchele vor mich hin und esse dazu ein Schinken-Käse-Sandwich und Gemüsereis. Die Sherpas bemühen sich um mich.

Island Peak Basislager bei Nacht

Island Peak Basislager

Außer den Sherpas bin ich der einzige Bergsteiger im Camp auf 5100 Metern. Ich genieße die ruhige Atmosphäre, fotografiere die gewaltige Eislandschaft und ruhe mich aus. Das Abendessen gibt es dann für alle gemeinsam im Küchenzelt und ich muss nicht schlecht staunen, als mir der Küchenchef Popcorn und eine Thunfisch-Pizza serviert. Zum Dank verteile ich frische Wachteleier aus Hong Kong an die Jungs. Das sorgt für große Augen und ausgelassene Stimmung.

Nur eine Moräne trennt den Imja-See vom Basislager.

Tag 8 — Besteigung des Island Peak

Um ein Uhr nachts stehen wir auf, wecken muss uns hier eh keiner, denn so richtig schlafen kann ich in dieser Höhe derzeit nicht. Nach etwas Haferschleim und Tee starten wir unseren Aufstieg. Während ich einen Not-Toilettenhalt einlege, überholt uns eine Gruppe. Das gibt’s doch nicht, denke ich, noch vor dem Start an Position zwei. Da sich jedoch einer der anderen Bergsteiger kurze Zeit später übergibt, sind wir wieder in Führungsposition.

Karma stapft vor mir und ich hinterher. Wir reden kaum ein Wort, ich kontrolliere permanent meinen Körperzustand. “Bisher alles top” rufe ich Karma zu, als wir bereits einige Stunden unterwegs sind. “Keine Kopfschmerzen”. Der Weg ist zunächst leicht, das Gelände wird jedoch steiler und der Wind bläst. Es ist saukalt und als wir das erste Eis erreichen warten wir eine Weile. “Wir sind schnell”, sagt Karma. Nachdem wir unsere Steigeisen angelegt haben, nimmt er mich ans Seil. Über steiles Eis geht es auf und ab, die ersten Fixseile tauchen auf, es sind dünne Perlonschnüre, wie man sie im Baumarkt findet. Ich bemühe mich, sie nicht zu benutzen. Wer weiß, wie die befestigt sind, denke ich.

T-Shirt, Pullover, Daunenveste, Primaloft-Jacke, dicke Daunenjacke und trotzdem ist es frisch hier oben

Wenig später blicke ich in eine Gletscherspalte. Die ist in etwa so tief, dass man den Sturz nicht überlebt. Darüber liegt eine Leiter, besser noch: es sind drei Leitern. Die Leitern sind mit Stricken zusammengebunden und biegen sich in der Mitte durch. Daneben liegen zwei lockere Schnüre und der Wind pfeift. Beim Anblick muss ich lachen und: “Das ist jetzt nicht dein Ernst.” Karma nimmt inzwischen das Seil auf.

“Da balancieren wir jetzt drüber”, meint Karma. Ich entgegne: “Balancieren da alle drüber? Müssen wir hier auch wieder zurück?” Im Kopf male ich mir aus, wie ich erst in einen der Stricke falle, dann gegen eine der Eiswände scheppere und der Strick dann reißt. “Du ziehst die Stricke straff und setzt die Frontzacken auf die vordere Sprosse und die hinteren Zacken deiner Steigeisen auf die hintere Sprosse.” Logisch, und wenn ein Windstoß kommt, flattere ich einfach mit den Armen und schwebe davon, denke ich.

Die Leiterkonstruktion

Gesagt, getan. Karma marschiert seeehhhr vorsichtig über die Leitern. Bei jedem Schritt biegt und knarzt die Konstruktion. Ich folge ihm. Auf der anderen Seite angekommen folgen wir dem Pfad bis zur Gipfelwand. Jetzt gilt es noch 200 Höhenmeter an einem Fixseil hochzuklettern und dann sind wir schon auf dem Gipfelgrat. Der Anstieg ist durch die Absicherung der Fixseile nicht sonderlich schwierig nur kräftezehrend. Als meine Fingerkuppen anfangen, in der Morgensonne aufzutauen und ich mich vor Schmerzen krümme, schießt Karma Fotos von mir. “Die besten Bilder sind die, in denen man nicht posiert, meint er.”

Die letzten Meter hinauf zum Gipfelgrat verbringen wir am Fixseil

Am Gipfelgrat bläst ein derart böiger Wind, dass ich auch hier auf das Fixseil zurückgreife. Den Gipfel haben wir schließlich für uns allein und genießen den Ausblick ins Eismeer zu unseren Füßen. Hinter uns thront die Lhotse-Südwand und erstmals bekomme ich ein Gefühl für die Größe dieser Wand. Der Gipfel dieses Achttausenders befindet sich jetzt nur noch 2000 Meter über uns.

Auf dem Gipfel des Island Peak und im Hintergrund die Lhotse-Südwand

Auf dem Gipfel des Island Peak

Gipfel des Island Peak

Beim Abstieg seilen wir uns an den Fixseilen ab. Bei genauer Betrachtung der Fixpunkte stellen sich mir die Nackenhaare auf, denn diese sind an übergroßen Zeltheringen festgemacht, die sich mit der bloßen Hand bewegen lassen. Wenn die Seile nicht reißen, dann halten vielleicht auch die Heringe, denke ich und versuchen das ganze System so wenig wie möglich zu belasten. Karma ist positiv gestimmt: “Ahh no Problem Thomas, so lange nur eine Person im Seil hängt, halten die auch.” Na klasse denke ich und freue mich bereits auf die Leiterkonstruktion weiter unten. Auch diese überleben wir und nach ca. 2,5 Stunden sind wir wieder im Basislager und das ohne Kopfschmerzen.

Blick auf Dingboche

Am gleichen Tag wandern wir über Chukhung und Dingboche zurück nach Pheriche. Zur Begrüßung empfängt man uns in der Lodge mit den Worten: “Das Wasser in den Leitungen ist gefroren, bitte nur das Badezimmer unten benutzen.” Beim näheren Hinsehen bemerke ich, dass auch hier das Wasser in den Tonnen vor der Toilette gefroren ist. “Welcome back”, denke ich mir und bestelle mit Faroukh einen Whiskey.

Thomas and Karma

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Wettersteinrunde

Diese Tour führt auf traumhaften Trails um den Wetterstein-Hauptkamm entlang der Lieblingsplätze von König Ludwig II.

Anreise
Mit dem Auto oder der Bahn nach Garmisch-Partenkirchen. Start der Tour ist am Olympiastadion vor der Skischanze in Partenkirchen.

Tourdaten
50 Kilometer mit 3600m Anstieg/Abstieg

Schwierigkeit
Sehr lange Tour auf traumhaften Trails, die enorme Ausdauer, Trittsicherheit und alpine Erfahrung erfordert. Dank der zahlreichen Abstiegswege und Hütten lässt sich die Tour problemlos verkürzen oder auf zwei Tage aufteilen.

Die Partnachklamm zählt zu den touristischen Highlights in Garmisch-Partenkirchen und wird täglich von zahlreichen Touristen bestaunt. © Thomas Bohne

Wegbeschreibung

Gleich zu Beginn führt euch der Weg durch die Partnachklamm mit dem kristallklaren und tosenden Bach, der täglich von Touristenscharen besucht wird. Über den Kälbersteig gelangt ihr zum Königshaus am Schachen. Der botanische Garten am Schachen ist einzigartig und lädt zu einem Besuch ein. Der Weg führt nun hinauf zum höchsten Punkt der Tour, der Meilerhütte. Der anschließende Abstieg über den Söllerpass auf den Südsteig ist der technisch schwierigste Teil und erfordert absolute Trittsicherheit.

Der Wetterstein-Südsteig zieht sich über zahlreiche Bergrücken entlang der Südseite des Wetterstein-Massivs. © Thomas Bohne

Anschließend lauf ihr auf traumhaften Trails über zahlreiche grüne Bergrücken entlang der massiven Südwände des Wetterstein. Über das Gatterl gelangt ihr in wenigen Minuten zur Knorrhütte. Der Abstieg zur Reintalangerhütte erfordert erneut volle Konzentration. Erst im Anschluss lauft ihr auf traumhaften Pfaden durch das Reintal. Weniger Minuten nach der Bockhütte gelangt ihr auf eine Forststraße, die euch zum Ausgangspunkt der Tour führt.

Die Tourdaten findet ihr auf Strava und bei GPSies.

86 Stunden Hochgenuss – Tor des Geants 2016

Tor des Geants ist ein außergewöhnliches Trail-Rennen am Fuße der höchsten Viertausender der Alpen: Mont Blanc, Monte Rosa, Gran Paradiso und dem Matterhorn. Patagonia Ambassador Thomas Bohne finishte die 339 Kilometer lange Reise mit einem zermürbenden Anstieg von 24 000 Höhenmetern in 86 Stunden, inklusive 3.5 Stunden Schlaf, und belegte damit den 6. Gesamtrang.

© Jeantet Stefano

Mein Abenteuer begann etwas holprig. Als Nicht-Favorit musste ich mich in der Startaufstellung ganz hinten einreihen und konnte mich nur langsam und unter den verständnislosen Blicken der anderen Läufer nach vorn durchzwängen. Etwa einhundert Athleten befanden sich noch vor mir, als die Musik allmählich lauter wurde; ein deutliches Zeichen dafür, dass der Start kurz bevorstand. Der Sprecher schrie in das Läufermeer, die Athleten streckten ihre Stöcke empor, klatschten und Wellen der Begeisterung erhoben sich. Plötzlich plätscherte es neben mir leise. Eine blonde Läuferin mit blauem Röckchen hatte mir vor Aufregung auf die Schuhe gepinkelt und lächelte mich jetzt ganz verlegen an. Das geht ja gut los, dachte ich in diesem Augenblick.

© Giorgio Augusto

© Giorgio Augusto

Die ersten Meter vergingen wie im Flug unter dem tosenden Applaus der Zuschauer, doch bereits hinter Courmayeur wurde der Weg schmaler und ich steckte im staubigen Läuferstau. Während die Spitze des Feldes ihr eigenes Tempo bestimmen konnte, blickte ich im zäh fließenden Läuferstrom sorgenvoll auf meine Uhr. Einzelne Läufer verließen den Weg, um unter enormer Anstrengung den Berghang auf direktem Weg zu erklimmen, nur um sich wenige Meter weiter vorn wieder in die lange Schlange einzureihen. Erst später wurde der Pfad breiter und ich konnte mein Tempo aufnehmen.

© Judy Ng

Noch vor dem ersten Pass gab mein rechter Laufstock unerwartet nach und zerbrach in zwei Hälften. Im Angesicht der baumelnden Carbonhälften kam ich ins Grübeln. Hatte ich doch vor dem Lauf meiner Partnerin Judy versichert, dass der Tor des Geants ohne Stöcke fast nicht laufbar sei, stand ich jetzt im Schlamassel. Sie sollte mich eigentlich nicht betreuen, sondern als freiwillige Helferin die Organisation im einhundert Kilometer entfernten Cogne unterstützen. Als ich im ersten Downhill gleich noch schwungvoll auf einem Kuhfladen wegrutschte und unsanft seitlich aufschlug, beschloss ich Unterstützung anzufordern. Ihre Reaktion kam nicht unvermittelt. “Wie bitte? Deine Stöcke sind am ersten Anstieg gebrochen? Ich bin schon in Cogne”, antwortete sie überrascht. Später erhielt ich unbemerkt eine SMS mit dem Inhalt: “Schaffst du es ohne Stöcke bis Cogne?” Darauf folgte: “Deine Stöcke warten in Cogne auf dich.”

Im ersten Talort La Thuile herrschten tropische Temperaturen und die Verpflegungsstation war proppenvoll. Die erhoffte Einsamkeit des Rennens war hier nicht im Entferntesten zu spüren. Wasser auffüllen, ein paar Scheiben Schinken und Kekse fassen, dann schnurstracks in Richtung Rifugio Deffeyes. Ab und zu ließen mich Läufer vorbei, doch gelegentlich war ihr Ehrgeiz so groß, dass geschickte Überholmanöver gefragt waren. Kurz vor Deffeyes erblickte ich erstmals bekannte Gesichter aus der Vorstellung der Top-Athleten. Scheinbar haben die nen schlechten Tag, dachte ich zunächst.

Ein Paradies liegt dir zu Füßen, doch diese schmerzen bereits erheblich

Hochalpiner Zauber

Oberhalb der Baumgrenze wurde die Landschaft sehr karg. Wir balancierten über Felsblöcke und liefen über goldgelbe Hochalmwiesen. Der Herbst war hier bereits ganz nah. Große Granitblöcke, steile Schotterrampen und blaue Seile an exponierten Stellen zählten zu den Schmankerln der nächsten Kilometer. Hier oben fühlte ich mich wohl, hier war ich zu Hause.

Auf dem Abstieg vom 2829 Meter hohen Col Crosatie steht das Denkmal des chinesischen Läufers Yang Yuan, der hier 2013 als Teilnehmer des Tor des Geants ums Leben kam. Der Stein enthält die Inschrift eines Gedichtes, das er selbst verfasst hat. Im Vorbeilaufen bemerkte ich, wie der Läufer vor mir das Denkmal als kleine Geste der Anteilnahme berührte. Ich tat es ihm gleich.

Die erste große Basisstation nach fünfzig Kilometern und 4747 Höhenmetern war der Ort Valgrisenche. In einem dunkel vertäfelten Gastraum standen feierlich eingedeckte Tische mit Wasser und Colaflaschen bestückt. Die führende Frau, Silvia Trigueros Garrote, saß als einzige im Raum an einem der Tische. Sie war über ihren Teller gebeugt und aß wortlos. Ich nahm an einem der anderen Tische Platz und gab meine Bestellung auf. Nach einer Portion Pasta verließ ich den Verpflegungspunkt und befand mich auf Silvias Fersen.

Vier Jahreszeiten innerhalb von 24 Stunden sind keine Überraschung im hochalpinen Klima © Jeantet Stefano

Trilogie des Leidens

Bei Einbruch der Dunkelheit setzte leichter Regen ein und wir stiegen zusammen zum Chalet de l’Epee auf. Die Kameras klickten beim Betreten der Hütte, denn Silvia war der Star des Abends. Jede ihrer Bewegungen wurde dokumentiert. Wir tranken ein paar Becher Cola und knabberten ein paar Nüsse. Ab einer Höhe von 2500 Metern nahm der Sauerstoffgehalt merklich ab und mein Motor verlor an Leistung. Bei jedem Meter pochte mir das Herz bis in den Hals und die Lichtkegel meiner Verfolger schienen immer näher zu kommen. Am nächsten Gipfel, dem Col Fenêtre auf 2854 Metern, trennten sich unsere Wege. Auch wenn mir die folgenden Anstiege auf den Col Entrelor (3002 Meter) und Col Loson (3299 Meter) zu schaffen machten, konnte ich in den nächtlichen Abstiegen regelmäßig Athleten überholen und Plätze gutmachen. Besonders dankbar war ich hier meiner Lupine Piko, die bei 20 Stunden Akkulaufzeit solide 150 Lumen Ausleuchtung lieferte. Gute Sicht ist besonders bei den anspruchsvollen Abstiegen ein entscheidender Vorteil.

Rifugio Bertone © Jeantet Stefano

Wunden lecken in Cogne

Nach 106 Kilometern erreichte ich im Morgengrauen die Basisstation Cogne. Mit einem breiten Lächeln im Gesicht stand Judy vor mit und begrüßte mich voller Freude. Die rettenden Stöcke standen bereit. Nach kurzer Versorgung einiger Scheuerstellen dachte ich an die Worte meines Lauffreundes Axel Zapletal und entschloss mich, dreißig Minuten zu schlafen. Die kurze Pause war zwingend notwendig, auch wenn mich in dieser Zeit sieben Läufer überholten.

Gemeinsam mit dem Lokalheld Marco auf altem römischen Pflaster. © Luca Perrazone

Aufholjagd mit Hupkonzert

Bereits kurz hinter Cogne konnte ich die ersten Läufer, die mich während der Ruhepause überholt hatten, einsammeln. Darunter war auch Marco, ein Läufer aus der Aosta-Region und frenetisch gefeierter Lokalheld. Marco blieb mir den ganzen Tag auf den Fersen und wir lieferten uns ein Verfolgungsrennen über 50 Kilometer bis zur nächsten Basisstation Donnas. Mit dabei war seine Fangemeinde, die ihn in jeder Verpflegungsstation euphorisch empfing und uns auf Teerpassagen im Autokorso mit Hupkonzert verfolgte. Offensichtlich kannten sie jede Stelle, die mit dem Auto erreichbar war, denn die Hupen waren schon von weitem zu hören.

Die letzten Meter nach Donnas setzten mir zu, denn Temperatur und Luftfeuchte ähnelten dem Innenraum einer Sauna nach dem Aufguss. In der Basisstation angekommen, streckte mir Judy gleich ein Handtuch entgegen und ich tapste zur Abkühlung unter die Dusche. Im Duschraum stutzte ich verblüfft, denn vor mir standen Marco mit seinem größten Fan – seiner Frau. Wahnsinn, fehlte nur noch die Vuvuzela. Vor der Weiterreise stand noch eine Massage auf meinem Programm, denn scheinbar hatten meine Knie die ersten einhundert Kilometer ohne Stöcke weniger gut verkraftet als angenommen und schwollen an. Beim Ablegen des Oberkörpers fiel dieser direkt in einen fiebrigen Ruhezustand und die Erschöpfung war erstmals deutlich spürbar.

© Jeantet Stefano

Rolling Stones Blockkonzert

Obwohl die Hälfte der Strecke noch nicht absolviert war, befanden wir uns nach Donnas auf der Alta Via 1 und damit auf dem Rückweg nach Courmayeur – eine entscheidende Motivationsstütze. Die ersten Meter hinauf bis nach Sassa waren beschwerlich und Marco konnte sich leicht absetzten, ja sogar eine zehnminütige Schlafpause in Sassa einlegen, bevor ich zu ihm aufschloss. Erst mit steigender Höhe kam mein Motor wieder in Fahrt. Kurz vor dem Rifugio Coda Metern überschritt ich in völliger Dunkelheit einen Bergrücken und blickte von über 2000 Metern in die festlich beleuchtete Po-Ebene Italiens. Ein warmer Windhauch blies mir ins Gesicht und ich fühlte mich wieder wohl. Als ich die quietschende Tür vom Rifugio Coda öffnete, klatschte das Team der Hütte zur Begrüßung, darunter die derzeit Erstplatzierte Lisa Borzani. “Hello Thomas, welcome”, sagte Lisa. Die Stimmung im wohlig warmen Gastraum war ausgelassen und nach einer Schale Spaghetti entschied ich mich zu einer zweistündigen Schlafpause im Rifugio. Zum Glück wurde die Begrüßung der nachfolgenden Athleten mit Kuhglocken für diesen Zeitraum ausgesetzt.

© Jeantet Stefano

Während meines Schlafes überholten mich fünf Athleten, zu denen ich jedoch wieder aufschließen sollte. Das Gelände war technisch anspruchsvoll. Wir balancierten durch steiles Blockgelände mit Pfützen und Bächen. Jeder Fehltritt konnte mit dem sofortigen Aus bestraft werden. Im Schatten des nächsten Berges konnte ich den schwachen Schein eine Stirnlampe ausmachen, die sich allerdings sehr langsam zu bewegen schien. Es war Silvia, die mittlerweile Zweitplatzierte. Sie stolperte wie ein Zombie von Stein zu Stein. Als ich bei ihr war, fragte ich sie: “Did you sleep?” Silvia verneinte. Sie hatte Magenprobleme, doch ihr Ehrgeiz schien grenzenlos. “You should sleep Silvia, otherwise your race will be over soon”, sagte ich fürsorglich. Nachdem ich im Rifugio Balma bereits die zweite und bis dahin köstlichste Portion Pasta mit Tomatensoße verschlungen hatte, stand Silvia in der Tür und fragte nach einem Schlafplatz. Ich war beruhigt, warf schnell noch ein, zwei Scheiben hauchdünnen und saftigen Schinken ein und begab mich hinaus in den Mantel der Nacht auf Verfolgungsjagd.

Der anspruchsvolle Steig über Col della Vecchia trieb mir ein breites Schmunzeln ins Gesicht. Es war schier unvorstellbar, dass diese Passagen auch nur tagsüber in einem Rennen in Deutschland auftauchen könnten. Jeder Fehltritt wäre bitter bestraft worden und auch nach fast zwei Tagen Rennen war volle Konzentration gefragt. Präzise platzierte ich die Stockspitzen auf den breiten Blöcken, um mich an den meterhohen Stufen abzustützen. Behutsam wie eine Katze schlich ich übr wackelnde Blöcke und auf abschüssigen Steigen unter Felswänden entlang.

© Jeantet Stefano

Der Abstieg nach Niel war mit sechs Kilometern angegeben und sollte zu den längsten sechs Kilometern meines Lebens zählen. Auf einen langen technischen Abstieg folgte eine Metallleiter, zahlreiche Anstiege und ein endloses Auf und Ab auf Waldwegen.

© Jeantet Stefano

Bier, Wein, Hüttenkäse

In Niel traf ich auf den Ultra-Veteran Philippe Verdier, der sich auf Position Neun befand. Mit Top-Ten Platzierungen beim UTMB, Badwater und Platz 15 beim Marathon des Sables zählt er zu den Urgesteinen der Szene. Ich entschied mich, die nächsten Kilometer mit ihm zu laufen, denn zur Abwechslung sprach er Englisch und war ein angenehmer Gesprächspartner. Kurz vor Gressoney verweilten wir an einer Käsealpe. Gleich beim ersten Stück Käse zündete ein Geschmacksfeuerwerk in meinem Gaumen, was sichtlich zur Freude des Almbauern beitrug. Auf Wein und Bier verzichteten wir hier, doch ein beherzter Griff auf das Käsetablett ließ sich nicht vermeiden.

An der Basisstation in Gressoney mussten meine Füße versorgt werden und ich ließ erneut meine Knie behandeln, die mir immer mehr Sorgen bereiteten. Trotz der längeren Pause hatte ich an der nächsten Station Alpenzu wieder zu Philippe aufgeschlossen und wir marschierten gemeinsam hinauf zum Col Pinter auf 2776 Meter. Kurz vor dem Pass konnten wir zwei Verfolger ausmachen. Einer davon war mir bekannt, den anderen konnten wir überhaupt nicht einordnen. Oben auf den Pass haten beide zu uns aufgeschlossen und ich fragte: “Where are you from?” “I am from Germany”, antwortete Jens Lukas aus Deutschland. Die deutsche Trail-Legende war mir bis dahin unbekannt, sollte aber auf den nächsten Kilometern zu einem festen Begleiter werden. Zu viert trabten wir den Abstieg hinunter und stolperten kurz vor Champoluc in eine Bauernstube in Cuneaz – Refuge Vieux Crest. Während vor der Hütte ein Wolkenbruch niederging, standen wir vor dem köstlichsten Buffet der gesamten Tour. Ein Paradies aus Joghurt mit Früchten und Müsli breitete sich vor uns aus. Tomaten, Käse, Kuchen waren aufgetischt. Die mütterliche Wirtin fragte freundlich: “Kann ich euch sonst noch etwas bringen?” Philippe brachte uns mit seiner Antwort: “Ja, ein Beef-Steak”, etwas in Verlegenheit und handelte dann doch noch Spiegeleier für uns raus. Nach einem Espresso ging die Reise nach Champoluc weiter, wo wir mit vollen Bäuchen lediglich Wasser auffüllten und sich die Gruppe trennte.

Kurz vor Sonnenuntergang erreichte ich das Rifugio Grand Tourmalin und entschied, den Abstieg nach Valtournenche schnellstmöglich im letzten Tageslicht zu versuchen. Kurz nach mir erreichte auch Jens Lukas Valtournenche und wir befanden uns damit auf Rang neun und zehn. Für uns beide war das eine Spitzen-Platzierung, die es zu halten galt. Deshalb sagte ich zu Jens: “Ich will die nächsten 50 Kilometer ordentlich Druck machen, dann können wir morgen Nacht in Courmayeur ins Ziel laufen. Kommst du mit?” “Ich bin dabei”, antwortete Jens. Nach einem Glas Bier trabten wir gemeinsam mit etwas Abstand vor unseren Verfolgern in die Nacht.

© Jeantet Stefano

Der deutsche D-Zug

Schnell hatten wir Rifugio Barmasse am Fuße des großen Staudammes erreicht und trafen kurze Zeit später am Versorgungspunkt Vareton ein. In einer Betonnische wurden wir von etwas groben aber umso herzlicheren Landwirten mit warmen Getränken versorgt, bevor wir erneut in die Nacht galoppierten. In der mittlerweile dritten nahezu schlaflosen Nacht ließ die Konzentration bei uns beiden etwas nach. Jens bemerkte leichte Störungen seines Gleichgewichtssinnes. Auf einer kurzen Querfeldein-Passage passierte es dann. Jens stolperte und schlug mit dem Schädel auf einem Stein auf. Eine Platzwunde über dem rechten Auge war das Resultat; zum Glück kein Grund das Rennen abzubrechen.

Die nächsten Kilometer kosteten Kraft, denn wir befanden uns dauerhaft über 2500 Metern und hatten unzählige Anstiege zu bewältigen. Einmal leuchteten hunderte helle Punkte vor mir auf und ich senkte ungläubig die Stirnlampe, um sie dann erneut zu heben. Die Punkte waren noch da und wir schlichen leise durch eine schlafende Kuhherde, um die Tiere nicht zu erschrecken. Nachts herrscht eine ganz besondere Stimmung im Hochgebirge. Schwarze Konturen zeichnen den Horizont, kleine Spinnen krabbeln am Boden und es herrscht eine friedliche Stille, die nur vom Wind und fließendem Wasser unterbrochen wird.

© Jeantet Stefano

Die Zeitangabe von den Helfern aus Varaton bis zum nächsten Verpflegungspunkt hatten wir längst überschritten und wir liefen verzweifelt weiter, ohne auch nur ein kleines Licht am Horizont zu sehen. Ich fragte mich, wie die nur auf diese Zeiten kommen und lag Jens damit in den Ohren. Vor uns lag ein extrem steiler und technischer Abstieg. Im Mondlicht konnten wir erkennen, wie ein Fluss etwa eintausend Meter unter uns schimmerte. Scharfe, kopfgroße Steine, hohe Absätze und rutschige Rampen erschwerten jeden Meter bis ins Tal. Endlich im Tal angekommen, waren wir völlig entkräftet und konnten immer noch keinen Schimmer von Rifugio Magià ausmachen.

© Jeantet Stefano

Nach einigen Minuten tauchte sie dann auf, diese rettende Insel des Lichts im Dunkel der Felswände. Die Versorgungsstation erschien unwirklich, denn Rifugio Magià ist neu errichtetes Hotel mit edler Ausstattung. Schlapp sanken unsere verschwitzen und entkräfteten Körper auf einen Holztisch. In diesem Augenblick gesellte sich Miso zu uns, er ist der Trainer von Lisa. “Jungs”, sagte er, “etwa 90 Prozent der Läufer machen hier Pause und eure Verfolger liegen 1:45 Stunden hinter euch.” Alles klar, dachte ich. “Lass uns 45 Minuten schlafen und danach nehmen wir den nächsten Anstieg in Angriff”, schlug ich Jens vor. Er willigte ein und Miso überredete die Wirtin mit seinem italienischen Charme, uns eine Portion Nudeln zu kochen. Wir legten uns hin, doch vor Schmerzen konnte ich kaum schlafen und wachte immer wieder auf.

© Jeantet Stefano

Mit warmen Nudeln im Bauch starteten wir die nächste Eintausend-Meter-Rampe hinauf zum Rifugio Grand Tourmalin. Wie ein deutscher D-Zug schnieften wir im Mondlicht die Anstiege hinauf und wechselten regelmäßig die Führung. Jens und ich machten Tempo und arbeiteten hart. Im Biwak Clermont tranken wir süßen Tee, dann Suppe und verweilten sprachlos im Sonnenaufgang auf knapp 2800 Metern. Im Biwak sagte uns ein Bergführer: “Oyace könnt ihr in einer Stunde erreichen.” Diese ambitionierte Zeitvorgabe für den zehn Kilometer wurde durch seine Frau bereits auf anderthalb Stunden relativiert, doch auch das war ambitioniert. Ich fluchte zu Jens: “Weiß der nicht, dass wir über 200 Kilometer in den Beinen haben? Eine Stunde. Was soll der Scheiß?”. Die Zeitvorgabe bis Oyace hielten wir nicht, doch vor Oyace sammelten wir den verletzten Marco auf. Im Verpflegungspunkt beendete Marco unterspektakulärem Applaus und dem Schluchzen seiner Fans sein Rennen und Miso entgegnete uns völlig perplex: “Was ist denn mit euch los? Ihr lauft derzeit die schnellsten Zwischenzeiten bis auf den Führenden.”

Noch ein Berg stand zwischen uns und der letzten Basisstation in Ollomont. Wir ließen es ruhig angehen, passierten unterwegs noch Lisa, die führende Frau. Auf einer Schotterstraße kurz vor Ollomont setzte sich Jens von mir ab, denn ich konnte vor Blasen kaum noch auftreten. Er war in deutlich besserer Verfassung. Beim Erreichen der Station standen mir die Tränen in den Augen. “Wir haben die ganze Nacht hart geackert”, wisperte ich Judy zu.

Zielgerade über die Zugspitze

Jens und Lisa verließen die Station vor mir, denn ich musste meine Blasen versorgen lassen und meine wurden Knie erneut leicht massiert. Erst danach konnten meine letzten 50 Kilometer beginnen. Lisa holte ich bereits am Rifugio Champillon ein und trabte dann gemächlich in Richtung Saint-Rhèmy en-Bosses. Im Ort traf ich auf Miso, der mir sagte, dass das Wetter bald umschlagen sollte. Judy teilte mir per Telefon mit, dass meine Verfolger weit hinter mir seien. So konnte ich mein Tempo weiter flach halten. Mit diesem Platz hatte ich mehr erreicht, als ich mir vor dem Rennen ausgemalt hatte. Im Rifugio Frassati stand ein warmer Ofen im Raum und ich wurde von Niccolo freundlich eingeladen, das Rifugio nach dem Lauf erneut zu besuchen. Gern, dachte ich. Wie wäre es mit Übermorgen?

© Jeantet Stefano

Kurz hinter dem Rifugio Frassati nahm der Wind an Fahrt auf und die Temperaturen fielen drastisch. Mütze, Jacke und lange Hose waren jetzt angesagt. Um 21 Uhr stand ich bei pfeifendem Wind, Eiseskälte und Nebel am Col Malatra – einem Pass, der immerhin auf Zugspitz-Niveau rangiert. Ich liebe diese rauen Momente, denn sie zeigen, wieviel Kraft und Energie in der Berglandschaft stecken und wie klein wir Menschen doch sind.

© Judy Ng

Kurz hinter dem Pass war es nahezu windstill, nur ein Landregen machte den Abstieg zur fröhlichen Schlitterpartie. Ich hatte Spaß am Laufen. Voller Optimismus führte uns die Rennleitung in dieser Austragung querfeldein zum nächsten Pass, bis sie uns nach einem langen Downhill auf die breite Wanderautobahn des Tour du Mont Blanc führte. Schier endlos lang erschien mir dieser Weg in der Nacht zum Rifugio Bertone. “You have a very good split”, sagte einer der Helfer in gehobenem Alter. “I have finished TOR four times”, fügte er hinzu. “You should go now.”

Um 24.03 Uhr lief ich in Courmayeur über die Ziellinie, begleitet von Judy und unzähligen Erinnerungen. Dieses Rennen hat mir viel abverlangt und all die Erfahrung erfordert, die ich in den vergangenen 15 Jahren als Trail-Läufer erworben habe. Tor des Geants hat mir allerdings auch viel gegeben. Der Lauf durch diese Landschaft war ein Hochgenuss und ich wurde immer wieder daran erinnert, wie wertvoll und zerbrechlich die Welt ist, in der wir uns bewegen.

© Judy Ng

GAP Pub Run

Image

Jeden Mittwoch um 19 Uhr treffen sich auf dem Rathausplatz von Garmisch-Partenkirchen Läufer zum GAP Pub Run. Der gemeinsame Lauf führt nicht – wie von einigen erhofft – von Kneipe zu Kneipe, sondern über feinste Trails der Garmischer Hausberge. Erst im Anschluss steht eine kühle Erfrischung im Irish Pub auf dem Programm.

Gestern konnten die 29 Jungs und Mädels auf einer Sieben-Kilometer-Strecke die neuen Modelle der Adidas Terrex Serie ausprobieren. Mit dabei war unter anderem der schottische Laufprofi Robbie Simpson, der derzeit in Mittenwald lebt und trainiert.

Eingeladen ist jeder, der Lust und Laune hat. Informationen zum Lauf findet ihr auf der Webseite von Sport Conrad.

Zane Grey 50 – The United Trails of America

Aside

Wer kennt schon den härtesten 50-Meilen-Lauf der USA? Als ich vor drei Jahren durch die menschenleere Prärie Arizonas fuhr, hatte ich keinen Schimmer vom Zane Grey 50 Mile Endurance Run. Auf meiner Reiseroute vom Grand Canyon nach Phoenix bog ich irgendwann einfach vom Highway ab und fuhr in Richtung Nirgendwo. Die Wüstenlandschaft verwandelte sich in goldgelbe Grasflächen und später in endlose Kiefernwälder. Vereinzelt standen Bauernhöfe in der Landschaft. Davor parkten oft bullige Pick-Up-Trucks und ein paar Pferde. Dieses Bild entsprach exakt meiner Vorstellung vom Wilden Westen.

Pine © Thomas Bohne

Irgendwann rollte mein Wagen durch die Siedlung Pine – der Ortsname beschreibt die Lage sehr anschaulich. Pine ist umgeben von einem Meer aus Kiefern mit einem Hauch Wildnis: Bären, Elche, Pumas und Klapperschlangen sind hier zu Hause. Pine ist außerdem der Ausgangsort des Zane Grey Highline-Trail. Im Zentrum des Ortes steht der Sidewinder Saloon. Statt Pferden parkten davor riesige Pickup-Trucks und auf Hochglanz polierte Harley-Davidson-Motorräder. Im Saloon herrschte reghaftes Treiben. Die kernigen Bardamen hinter dem breiten Holztresen bedienten ihre Cowboy-Kundschaft in Arbeitsklamotten und mit großen Hüten. “Was willst du, Kleiner?”, rief mir eine der Ladys entgegen? “Ein Sidewinder-Burger mit Coke”, antwortete ich möglichst selbstbewusst.Bloß nicht auffallen, sonst gibt’s hier gleich ne Schießerei, dachte ich. Ich konnte nicht wissen, dass mir gleich einer der saftigsten Burger der Staaten serviert würde. Damals war ich am Vortag des Rennens in Pine, konnte aber keine Läufer oder Anzeichen einer Laufveranstaltung erkennen. Fasziniert vom wilden Charme dieser Gegend, kehrte ich nach Deutschland zurück. Zu Hause angekommen, erkannte ich, welchem Juwel ich da begegnet war.

© Thomas Bohne

Die Renndaten:

  • 50 Meilen (etwa 80 Kilometer)
  • 10 000 feet (3048 Meter) Anstieg
  • 9 000 feet (2743 Meter) Abstieg
  • Streckenrekord: 07:51:07 Dave Mackey

Der schwierigste, härteste und schönste 50-Meilen-Lauf

Der Zane Grey Highline Trail ist kein Rundkurs; er führt entlang der Mogollon-Kante, der Südwestkante des Colorado-Plateaus, durch die endlosen Kiefernwäler Arizonas. Zane Grey war ein amerikanischer Schriftsteller und Frauenheld, der zwischen 1923 und 1930 regelmäßig Zeit in seiner Blockhütte in diesen Wäldern verbrachte. Die Laufstrecke ist technisch schwierig und das Wetter unterliegt extremen Schwankungen. “Läufer müssen sich auf unbeständige Bedingungen einstellen: Hitze, Kälte, Regen, Hagel, Blitze und Flussdurchquerungen”, schreibt der Veranstalter.

© Thomas Bohne

Von den 17 Athleten, die 1990 bei der Premiere am Start standen, erreichten nur sechs das Ziel. Passend dazu lautet der erste Punkt im Reglement: “No whining!” Sympathisch, nicht? Vereinzelt mischen sich auch Spitzenläufer in das limitierte Teilnehmerfeld von etwa einhundert Läufern: Scott Jurek, Karl Meltzer, Nikki Kimball oder Tony Krupicka sind alle Finisher des Zane Grey 50. Krupicka schreibt auf seinem Blog zum Rennverlauf: “Ich habe mindestens zwei Dutzend Elche gesehen (sehr cool) und die erste von zwei Klapperschlangen, über die ich spontan springen musste, da sie auf dem Trail lag (nicht so cool).”

© Thomas Bohne

Nach mehreren Anläufen konnte ich 2016 endlich einen Startplatz ergattern. Beim Check-In kam mir einer der Athleten bekannt vor und ein Blick auf die Teilnehmerliste bestätigte meine dunkle Vermutung: Hal Koerner war am Start, Sieger von Hardrock 100 und Western States. Kurzerhand überwarf ich den Plan einer Fotoreportage zum Ärger des Chefs dieses Magazins und verbannte die Spiegelreflexkamera zur Gewichtsoptimierung aus dem Rucksack.

Der Rennstart am frühen morgen ließ ein Hotelzimmer überflüssig erscheinen und ich entschied mich für die Variante Zelt hinter der Startlinie. Statt Carbo-Loading zog ich ein Burger-Loading im Sidewinder-Saloon vor, was sich schlussendlich positiv auf den Rennverlauf auswirken sollte.

Das Rennen

Um fünf Uhr morgens stand ich mit überraschend leichtem Rucksack und 132 Amis am Start. Renndirektor Joe Galope entschuldigte sich für die Renovierungsarbeiten am Trail: “Früher mussten Läufer über mehr als einhundert Baumstämme klettern, für euch sind es vielleicht zehn.” Mit dem schlechten Gewissen eines Warmduschers trabte ich im Schein meiner Stirnlampe los. Unmittelbar war volle Konzentration gefragt, denn ein schmaler Singletrail führte uns durch feinsten Steinsalat. Ich hing an der Gruppe mit Hal und beobachtete neugierig, wie sich ein Läufer hektisch vor mich drängelte und dabei völlig unkontrolliert über die Steine stolperte. Völlig irre diese Taktik, dachte ich genervt und überholte ihn bei der nächstbesten Gelegenheit. Danach sah ich ihn nie wieder.

© Thomas Bohne

In zwei Stunden hatten wir bereits zwanzig Kilometer hinter uns gebracht und erreichten den zweiten Verpflegungspunkt. Auf einem Klapptisch stand Wasser, Iso, Chips, Kekse, Kartoffeln und Obst. Mit dem ersten Schluck aus der frisch gefüllten Trinkflasche wurde ich unangenehm daran erinnert, dass die Amerikaner nicht nur ihre Hühner chloren. Der Geschmack von Leitungswasser ist gewöhnungsbedürftig und der von Iso so scheußlich, dass ich Angst hatte, die Pflanzen sterben, wenn ich es wegschütte.

Lange Zeit lief ich allein, passierte ab und zu einen Läufer und war irgendwann auf Position zwei. Der schmale Pfad war oft kaum erkennbar im Gras versteckt und zwischendurch immer wieder mit technischen Leckerbissen gespickt. Erkennbar war, dass einige Abschnitte durch Pflegearbeiten deutlich entschärft wurden, was die Rekordzeiten aus den vergangenen Jahren noch respektvoller erscheinen ließ. Die Arbeiten haben den Trail allerdings auch verlängert, was sich erst im Rennverlauf herausstellte.

© Thomas Bohne

So wurden die letzten Kilometer zur Belastungsprobe. Scheinbar an jedem Checkpoint erhöhte sich die Renndistanz und das Ziel rückte immer weiter in die Ferne. Als ich am letzten Checkpoint genüsslich ein Wassereis lutschte in der Hoffnung auf einen Brain-Freeze, raste die erste Frau an mir vorbei und verwies mich auf Platz drei. Immerhin konnte ich diesen bis ins Ziel retten.

Den Zieleinflauf auf dem Parkplatz bei Christopher Creek würden wir Europäer als unspektakulär beschreiben, es war schließlich kaum einer da. Zuschauer? Fehlanzeige! Da stand ein Campingtisch mit belegten Broten, Kuchen und Softdrinks und ein paar Klappstühle. Genüsslich versank ich in einem Stuhl, öffnete einen zuckersüßen Softdrink und begrüßte mit den anderen die nächsten Finisher. Diese familiäre Atmosphäre ist sicher nicht jedermanns Sache. Es gibt keinen tosenden Applaus, keine staunenden Gesichter, keine Menge, nur Gleichgesinnte. Bevor ich überhaupt an eine Post-Race-Dusche dachte, saß ich im verschwitzten Rennoutfit im Sidewinder-Saloon und erwiderte genüsslich: “Einen Sidewinder-Burger und ein Bier bitte.”

Cape Wrath Ultra: Das große Scheitern

Der Cape-Wrath-Ultra ist kein gewöhnlicher Etappenlauf, sondern eine abenteuerliche Reise durch den menschenleeren Norden Schottlands. Die vom Eis geschliffenen und vom Wind geformten schottischen Highlands werden nur von Hartgesottenen besucht. Einer davon ist Bear Grylls bei Man vs Wild, wie er vor der Küste aus einem Hubschrauber in den Ozean springt. Zu gering ist die Infrastruktur, zu extrem das Klima. Seit Jahren hat die Läuferszene auf dieses Rennen gewartet und viel wurde darüber diskutiert. Schließlich standen am Sonntag, dem 22. Mai 2016, 95 Läufer aus 15 verschiedenen Ländern am Start in Fort Williams, dem Outdoor-Zentrum Schottlands am Fuße von Ben Nevis.

Fortsetzung folgt…

map

Die Etappenübersicht:

   1. Etappe 37 Kilometer, 500 Höhenmeter
   2. Etappe 57 Kilometer, 1800 Höhenmeter
   3. Etappe 68 Kilometer, 2400 Höhenmeter
   4. Etappe 35 Kilometer, 1400 Höhenmeter
   5. Etappe 44 Kilometer, 1400 Höhenmeter
   6. Etappe 72 Kilometer, 1400 Höhenmeter
   7. Etappe 61 Kilometer, 1600 Höhenmeter
   8. Etappe 26 Kilometer, 700 Höhenmeter

Ergebnisse

Frauen

  1. Ita Manuela Mariotto (ITA)
  2. Louise Staples (GB)
  3. Laura Watson (GB)

Männer

  1. Marcus Scotney (GB)
  2. Thomas Adams (GB)
  3. Pavel Paloncy (CZ)

Die Ausrüstung:

  • Canon 5DS
  • EF 16-35 f4 IS USM

 

 

 

Kenianer als Erster auf dem Gipfel

Mittenwald – Was für ein Rennen. Im Tal herrschten tropische
Verhältnisse, die Strecke war so lang und so schwer wie nie zuvor und
ein Kenianer holte sich den Titel. Bereits vor dem Rennen standen die
Zeichen gut, denn über 400 Läufer waren gemeldet und der Himmel war
blau, ganz ohne Wolken. “Die Temperaturen sind ideal, es herrschen
fast tropische Verhältnisse hier”, sagt Bergwacht-Chef Heinz Pfeffer.
Auf jedem, der elf Kilometer langen Strecke, steht einer seiner
Mittenwalder Kameraden für den Notfall. Außerdem gibt es fünf
Verpflegungsstellen bis zum Gipfel. “Mehr als ausreichend”, meint
Pfeffer.

Blick von der Linderspitze auf die Bergstation der Karwendelbahn

Blick von der Linderspitze auf die Bergstation der Karwendelbahn

Auch die Österreicherin Sabine Reiner ist guter Dinge, denn erst vor
einer Woche holte sie Bronze bei der Europameisterschaft im Berglauf.
“Ich lasse es auf mich zukommen”, sagt sie wenige Minuten dem Start.
“Die Temperaturen sind auch nicht zu verachten.” Pünktlich um 14 Uhr
geben der Zweite Bürgermeister Gerhard Schöner und die Biathletin
Nadine Horchler den Startschuss, und das Feld der 343 angetretenen
Läufer sprintet los. Vom Zentrum des Ortes geht es zunächst auf
flachen 1,5 Kilometern Asphalt bis zum Berg. Dort wartet dann die
erste steile Rampe, eine Teerstraße. “Da kann man sich gleich
abschießen, wenn man die nicht kennt”, erklärt der Bergläufer Stefan
Paternoster, der hier zu den großen Favoriten zählt. Anschließend
folgen die Teilnehmer etliche Kilometer einer Forststraße, bis sie auf
einen schmalen Pfad treffen. Dieser windet sich in Serpentinen durch
Latschen hinauf zur Dammkarhütte. Dort beginnt der schwierige Teil der
Strecke.

Der Kenianer Isaac Kosgei gewinnt das Rennen überraschend

Der Kenianer Isaac Kosgei gewinnt das Rennen überraschend

“Es ist eine richtige Schinderei”, beschreibt es Paternoster treffend.
“Du machst einen Schritt und rutschst einen halben zurück”, sagt der
Kenianer Isaac Kosgei später. “Jeder Meter ist so hart.” Trotzdem kann
er sich etwas absetzen und seinen Vorsprung durch den Tunnel halten.
Wenige Minuten nach 15 Uhr erreicht er als Erster das überdimensionale
Fernrohr an der Bergstation der Karwendelbahn. Doch bis zum Ziel sind
es diesmal einhundert Höhenmeter mehr. “Wer ist das?”, fragte der
Organisator Kurt König überrascht. Bisher konnten sich die Kenianer
auf dieser anspruchsvollen Strecke nicht durchsetzen. Auf dem letzten
steilen Anstieg bis zum Gipfel der Linderspitze holt der Schotte
Robbie Simpson gefährlich schnell auf und die Zuschauer toben. Am Ende
trennten die beiden nur 43 Sekunden und Kosgei gewann das Rennen in
1:06:12 Stunden. Den dritten Platz sicherte sich der Kenianer Francis
Maina Njoroge, der nicht mit dem zähen Schotten gerechnet hatte. “Ich
dachte eigentlich, ich werde Zweiter”, sagte Njoroge nach dem Rennen.

Sabine Reiner (1. Frau) und ihr Freund Stefan Hubert

Sabine Reiner (1. Frau) und ihr Freund Stefan Hubert

Während den Männern die Strecke zu schaffen machte, fühlte sich Sabine
Reiner scheinbar pudelwohl. “Es war super abwechslungsreich und hat
mit voll taugt. Ich habe nicht ein Mal auf die Uhr geschaut.” Mit
einer Zeit von 1:14:27 Stunden ließ sie ihre Konkurrenz weit hinter
sich und siegte bei den Damen. Ihr Freund Stefan Hubert lief die
Strecke außerhalb der Wertung in 1:20 Stunden zum Training mit
Rucksack. Das Paar gehört zur Weltspitze der Bergläufer und befindet
sich mitten in der Vorbereitung auf die Berglauf Weltmeisterschaft im
September in den USA.

Licht am Ende des Tunnels. “Ganz ehrlich, der Tunnel ist heftig”, sagt Sabine Reiner, nachdem sie den Tunnel durchquert hat.

Licht am Ende des Tunnels. “Ganz ehrlich, der Tunnel
ist heftig”, sagt Sabine Reiner, nachdem sie den Tunnel durchquert
hat.

Die schnellen Läufer sind allerdings nur ein kleiner Teil der
Athleten, die sich den technischen 1460 Höhenmetern stellen. Nur fünf
Teilnehmer brechen das Rennen vorzeitig ab und 338 erreichen das Ziel.
Für viele ist dieser Lauf eine große Herausforderung. “Er zählt zu den
schwierigsten Läufen im Alpenraum”, sagt der österreichische
Berglauf-Weltmeister Helmut Schmuck, der heuer erstmals mitlief. Am
Ende stand König die Erleichterung ins Gesicht geschrieben. “Wir
wussten nicht, funktioniert das jetzt bis da hoch. Top. Ich habe ein
gutes Team.”